Blühwiesen-Patenschaften. Die Lösung?

(Lesedauer: 4 min.)

Der Bayerische Bauernverband im Unterallgäu will seinen Landwirten im Kreisverband empfehlen, keine Blühstreifen mehr auf freiwilliger Basis anzulegen. Dies soll nur noch „über Patenschaften gegen Bezahlung“ getan werden.

Nun, ich bin Kaufmann. Sehe Dinge darum oft aus ökonomischen Gesichtspunkten und mache niemandem einen Vorwurf, der Geld für seine Leistung möchte. Ich will das auch.

Also betrachten wir es kaufmännisch. Die Patenschaften sollen ja vornehmlich das Saatgut und das Ausbringen der Saat finanzieren, so steht es in den meisten Angeboten.

Einigermaßen hochwertige Blühsaaten kosten rund 130 EUR für 1ha Fläche, also pro Quadratmeter 0,013 EUR. Maschinenkosten sind schwer einheitlich festzumachen, weil sehr individuell vom eingesetzten Gerät abhängig, aber als groben Richtwert setze ich mal 50 EUR pro Hektar an (kleiner Schlepper mit einfachem Saatstreuer), ergibt einen halben Cent pro Quadratmeter.

Arbeitszeit rechne ich nicht, weil wenn ich mich mit „Freiwilligkeit“ schmücke, muss auch drin sein was drauf steht und die Bezahlung darf kein Thema sein. Dazu werfe ich mal einen Blick in das Gabler Wirtschaftslexikon, wie in der Betriebswirtschaftslehre ein „Freiwilliger“ definiert wird:

Person, die (…) eine freiwillige, unentgeltliche Tätigkeit übernimmt. (…) Unter Freiwilligenarbeit versteht man das Geben von Zeit und Fähigkeiten um (…) Aufgaben zu erledigen, ohne dabei eine direkte finanzielle Entschädigung zu erwarten.

Um leichter weiterrechnen zu können, gehen wir in Summe jetzt von aufgerundeten 2 Cent pro Quadratmeter aus, was dem Landwirt an echten Kosten entstehen für das Anlegen der Blühflächen. Wieviel sollen diese Patenschaften kosten?

Nicht unter einem Euro pro Quadratmeter“, so forderte es der stellvertretende BBV Kreisobmann für das Unterallgäu, Joachim Nuscheler. Das ist das Fünfzigfache der Kosten.

Abzgl. den oben errechneten 2 Cent Einstandskosten blieben dem Landwirt in dieser Kalkulation 98 Cent Gewinn pro Quadratmeter als Lohn für seine „Freiwilligkeit“. Solch eine Margen-Kalkulation hätte ich auch gern. Das sind immerhin 9.800 EUR pro Hektar.

Die durchschnittliche Betriebsgröße eines landwirtschaftlichen Betriebs in Bayern liegt bei ca. 35 ha. Angenommen es fänden sich Paten für nur ein Zehntel davon, also 3,5 Hektar Blühfläche, dann hätte der Landwirt nach Willen des BBV 34.000 EUR Gewinn. Umgerechnet ein Brutto-Monatslohn von über 2.800 EUR, das entspricht dem Durchschnittsverdienst aller Arbeitnehmer in Deutschland. Ein Jahreseinkommen verdient in wenigen Stunden des Aussäens auf 10% der Betriebsfläche.

Was würde der Landwirt durch die Bewirtschaftung dieser Fläche einnehmen? Rechnen wir das am Beispiel Mais: Auf einem Hektar können heutzutage ca. 5-6 Tonnen Mais geerntet werden. (Quelle: Statista). Gehen wir von 5 to aus. Der Preis für die Tonne Mais lag zum Zeitpunkt als dieser Artikel verfasst wurde bei 170,83 EUR (Quelle: agrarheute.com). Macht rund 850 EUR Einnahmen pro Hektar, wovon aber die Anbau- und Erntekosten noch abgezogen werden müssen. Da ich die nicht kenne, weiß ich nicht welcher Gewinn dem Landwirt beim Hektar Maisfeld übrig bleibt, aber jedenfalls ist klar: keine x-tausende Euro wie er sie durch die Vergabe von Blüh-Patenschaften zu 1€/m2 erzielen könnte. Ein enorm lukratives Geschäftsmodell also, diese Patenschaften.

Hier liefert der BBV selbst den eindeutigen Beweis wes‘ Geistes Kind sie sind und wie weit es mit Naturliebe her ist: ohne Bezahlung hört die Freiwilligkeit ganz schnell auf. Lieber will man mit der Naturliebe der Menschen satte Gewinne machen. Da zeigen sie nun also ihr wahres Gesicht, und wie es um ihre Freiwilligkeit bestellt ist. Sie offenbaren, um was es ihnen eigentlich geht. Um die Natur jedenfalls nicht.

Dabei wäre das mit den Blühpatenschaften prinzipiell keine so schlechte Idee.

Auch ich wäre spontan fast so eine Patenschaft eingegangen. Doch so wie sie derzeit vielerorts angeboten werden, erscheinen sie mir leider etwas heuchlerisch und eher als Geschäftemacherei, denn als naturliebende Umweltschutzprojekte.

Bauern legen diese Blühwiesen auf Flächen an, die sie sonst landwirtschaftlich nutzen und bekommen dafür dann Leistungen aus dem KULAP mit denen die entgangenen Ernteerträge dieser Flächen ausgeglichen werden. Mit den „Blüh-Paten“ wollen sie zu diesen Subventionen zusätzliche Einnahmen generieren. Was ihnen prinzipiell auch gegönnt sein möge, wenn das Ganze tatsächlich nachhaltig für die Umwelt gedacht wäre und nicht nur auf den schnellen Profit in den oben vorgerechneten Höhen schielt.

Doch wie sieht die Realität dieser Patenschafts-Offerten in puncto Nutzen für die Umwelt und Nachhaltigkeit aus?

Ein Problem sehe ich darin, dass man als Pate oftmals keine genauen Angaben erhält welches Saatgut ausgebracht wird, geschweige denn dass man Einfluss nehmen könnte was der Bauer säht. Wenn Blühsaaten zum Einsatz kommen, die zwar das menschliche Auge erfreuen, aber ohne großen Wert für die einheimische Fauna sind, wäre der Zweck verfehlt. Die in vielen Saatmischungen enthaltenen Pflanzen bieten oft leider wenig bis nichts, das die Insekten und Kleintiere wirklich brauchen können.

Das viel größere Problem der Patenschaften ist meines Erachtens:

Es werden keine langfristigen Biotope geschaffen, sondern nur kurzfristige Blühflächen, die im Herbst schon wieder niedergemäht oder umgeackert werden. Es werden keine Sämereien für Vögel stehen gelassen und Kleintiere wie Hasen, Kröten etc. verlieren neu angelegte Lebensräume in kürzester Zeit wieder (falls sie die Mahd überleben).

Manche dieser Patenschaftsangebote werden zwar auf zwei oder drei Jahre angelegt, doch dann wird dieses Pseudo-Biotop wieder zerstört. Spätestens nach dem vierten Jahr müssen die Bauern die Fläche wieder landwirtschaftlich nutzen, wenn sie vermeiden wollen dass sie als „Dauergründland“ gilt und damit nicht mehr ohne weiteres für den Ackerbau umgebrochen werden dürfte, wodurch sie an Wert verlöre.

Und danach? Alles an Blühpflanzen, was nicht durch Umackern zerstört wurde, gilt für den weiteren Feldanbau auf der Fläche wieder als Unkraut und wird wohl mit entsprechenden Ackergiften weggespritzt, um keine unerwünschten Pflanzenreste zwischen der Feldfrucht auskeimen zu lassen.

Es werden keine dauerhaften Lebensräume geschaffen und nichts unternommen, damit sich Flora und Fauna nachhaltig erholen können.

Jedes Leben das sich dort im Frühjahr/Sommer ansiedelt wird im Herbst zerstört. Biotop sieht anders aus. Will man dafür Pate stehen?

Wenn ich eine Patenschaft eingehe, möchte ich das nachhaltig tun. Dauerhaft, wie sich das für einen Paten gehört. So wie ein Taufpate ein Leben lang für den Täufling da sein sollte. Wikipedia definiert Patenschaft als „die freiwillige Übernahme einer Fürsorgepflicht“. So auch mein Verständnis einer Patenschaft. Ich sehe nicht, wie ich meiner Fürsorgepflicht bei den feilgebotenen Blühwiesen-Offerten der Landwirte nachkommen soll.

Letztlich ist man kein Pate, sondern nur Geldgeber. Aber für was, sollte man sich fragen. Für die Natur? Oder einen recht üppigen Zuverdienst des Landwirts?

2 Antworten auf „Blühwiesen-Patenschaften. Die Lösung?“

  1. Lieber Fabio, Danke für diesen Beitrag und deine Recherche. Ich habe mich nämlich das gleiche gefragt, ob ich so eine Blühpatenschaft eingehe…., schick doch den Artikel mal an eine Zeitung, du solltest Gast-Kolomnist und Journalist werden……..

    1. Danke für deinen Kommentar. Eine Gast-Kolumne in einer Zeitung wäre ein Ritterschlag, von dem ich jedoch nicht zu träumen wage. Freut mich aber sehr dass du meine Arbeit dort siehst.

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