Cancel Culture statt Multikulti

(Lesedauer: 2 min.)

Wenn Integration von Merkmalen fremder Kulturen in die eigene Lebensweise als „Aneignung“ verurteilt wird, ist die Idee einer Multikulti-Gesellschaft dann offiziell gescheitert?

Anstatt dass die vermeintlich hypertoleranten Gutmenschen sich freuen, dass kulturelle Grenzen verschwimmen oder sich gar auflösen, dass Kulturen sich vermischen und integrieren, fordern diejenigen, die gestern noch in bunten Pumphosen im Eine-Welt-Laden Räucherstäbchen eingekauft haben, heute unter dem Deckmantel der „Awareness“ die strikte kulturelle Trennung (und somit quasi ein System der Apartheid).

Kultureller Austausch ist gelebte Völkerverständigung. Es ist schön, wenn andere Kulturen die unsere bereichern. Wer fremde Kulturen nicht nur begafft wie Tiere im Zoo, sondern sie in sein Leben übernimmt, zeigt doch Gefallen und Wertschätzung. Es könnte als integrativer Akt betrachtet werden, wenn nicht gar als Solidarität.

Stattdessen wird man neuerdings gecancelt dafür, fremden Einflüssen gegenüber offen und empfänglich zu sein statt sich ihrer zu verwehren? Soll etwa „Cancel Culture“ die einzige Kultur sein, die wir miteinander teilen dürfen? Was bezwecken Menschen mit dem Vorwurf der kulturellen Aneignung? Hemmschwellen vor kultureller Interaktion aufbauen? Damit spielen sie doch Rassisten in die Hände. Multikulturelle Brücken baut man so jedenfalls nicht.

Wie wurde aus dem One-World-Gedanken bloß ein solch rassistischer? Und wie geht es weiter?

Jetzt darf also kein Weißer mehr Reggae-Musik machen und Dreads tragen. Demnächst auch keine Soul- oder Jazzmusik von hellhäutigen Europäern mehr erlaubt, weil das Musik der afroamerikanischen Kultur ist?

Was dann? Kein europäisches Sportstudio darf mehr asiatische Martial Arts lehren? Lateinamerikanische Tänze dürfen nur noch echte Latinos tanzen? Ein fesches Dirndl darf nur noch die echte Bayerin mit Abstammungsurkunde tragen? Inder und Pakistani dürfen keine Pizza-Lieferdienste betreiben, kein Deutscher mehr ein Burger-Lokal führen? Wenn ich zum Asiaten in Deutschland essen gehe (nur zum gebürtigen Echt-Asiaten natürlich!) darf ich dort nicht mit Stäbchen essen, weil ich mir sonst seine Esskultur aneigne? Darf ich überhaupt noch Speisen aus anderen Kulturen zu mir nehmen?

Verbannen wir auch alle Anglizismen und sonstige Fremd- und Lehnwörter aus unserer Sprache? Für die Reinhaltung unserer Kultur?

Wo soll die Debatte um „kulturelle Aneignung“ letztlich denn hinführen? Was ist das erklärte Ziel dieses Unfugs? Mauern zwischen Kulturen zu errichten? Eine neue Form der Rassentrennung? Ich dachte, wir hatten das eigentlich hinter uns.

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